Verdauungsvorgänge des Kalbes

Die willkürliche Nahrungsaufnahme besteht in Suchen, Saugen und Schlucken (1. Teil). Unwillkürlich geschieht der 2. Teil des Schluckens, die gesamte Passage der Nahrung durch den Verdauungsapparat, Sekretion und Resorption von Flüssigkeiten sowie die Ausscheidung.

Der Magen beim Kalb entspricht noch nicht den Verhältnissen eines Raufutterfressenden Rindes. Der Verdauung der hochenergetischen Milchnahrung wird in der Neugeborenenphase (1.-2. Woche) nahezu ausschließlich vom Labmagen übernommen. Die Vormägen hingegen sind klein und unausgereift.

Verdauung des Milchfettes:
Die Fähigkeit von Neugeborenen zur Verdauung und Nutzung hoher Milchfettkonzentrationen ist im Gegensatz zu abgesetzten Rindern vorrangig bestimmt durch die Bildung von verschiedenen fettspaltenden Enzymen (Lipasen) in der Mundhöhle. Dieser Komplex fettspaltender Enzyme ermöglicht den überwiegenden Abbau der Fette im Labmagen. Mit zunehmendem Alter wird die Fettverdauung mehr und mehr in den Dünndarm verlagert. Verantwortlich dafür ist die zunehmende Tätigkeit der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), die unter anderem die darmbasierten Lipasen bildet. Die Bildung der fettspaltenden Enzyme in der Mundhöhle wird durch das saugende Kalb erheblich verbessert. Die Aufnahme der aufgeschlossenen Fette erfolgt im Dünndarm.

Verdauung des Milcheiweißes:
Die wichtigsten für die Verdauung von Proteinen benötigten Enzyme werden vom Kalb in großen Mengen im Labmagen gebildet. Dies sind vor Allem Pepsin und Chymosin. Zusammen mit der ebenfalls im Labmagen vorhandenen Salzsäure werden die Milchproteine eingedickt (koaguliert), halten dadurch Kasein und Fett länger im Labmagen  und ermöglichen den Nährstoffen so eine langsame Passage durch den Dünndarm. Später werden die Enzyme Pepsin, Trypsin und Chymosin ebenfalls von der Bauchspeicheldrüse gebildet. Das Potential der Bauchspeicheldrüse zur Sekretion von Pepsin, Trypsin, Chymotrypsin und Amylase steigt mit zunehmendem Stärke- und Proteinanteil der Ration. Während der ersten Lebenstage lassen die Labmagenenzyme die Biestmilch (Kolostrum) gerinnen. Die Konzentrationen von Bauchspeichelenzymen sind dann noch sehr gering. Damit wird sichergestellt, dass die wichtigen Immunglobuline (Antikörper) des Kolostrums während der Passage des Dünndarms nicht geschädigt werden.

Verdauung des Milchzuckers:
Der ebenfalls in der Milch enthaltende Milchzucker (Laktose) wird durch die im Bürstensaum des Dünndarms gebildete Laktase in Glucose und Galactose gespalten und kann so aufgenommen werden. Die Laktaseaktivität ist zum Zeitpunkt der Geburt am höchsten und nimmt bis ungefähr zum Alter von drei Wochen ab, um dann bis zum drastischen Rückgang zum Zeitpunkt der Entwöhnung konstant zu bleiben.

Verdauung der Stärke:
Die Verdauung von Stärke im Labmagen und Dünndarm ist während der Tränkeperiode bedingt durch die stark verminderte Produktion von Stärke spaltenden Enzymen (Amylasen) in der Bauchspeicheldrüse sehr gering. Somit ist der Einsatz von Milchaustauschern mit hohen Konzentrationen an Stärke als alternative Energiequelle nicht zu empfehlen, da diese Stärke nicht über den Dünndarm aufgeschlossen werden kann. Erst mit zunehmender Entwicklung des Pansens, können nennenswerte Mengen an Stärke aufgenommen und umgesetzt werden, so dass einer schnellen Entwicklung des Pansens die größte Bedeutung beigemessen werden muss. Die Entwicklung und Verlängerung der Pansenzotten sind entscheidend für die Umwandlung eines monogastrischen (einmägigen) Kalbes zu einer wiederkäuenden Färse

Quelle: „ Vom Monogastrieden zum Wiederkäuer; Gastrointestinale Entwicklungen bei Milchkälbern“  (Großtierpraxis 5:12, 33-36 (2004))